1.1. Theorien und Modelle

Es gibt verschiedene gängige Theorien zur Kommunikation, die aufzeigen können, wie sich zwischenmenschliche Kommunikationssituationen abspielen und wie sich die Individuen wechselseitig beteiligen.

Die Theorien lassen sich grob unterscheiden in solche, die Kommunikation als einen Prozess ansehen, bei dem zwischen A und B Material hin und her vermittelt wird, und solche, die Kommunikation als einen Prozess ansehen, der die einzelnen Protagonisten in ein gemeinsames Geschehen einbindet, in dem die Beiträge des Einzelnen nur schwer auszumachen sind.

Die erste Kategorie gleicht einem Tennismatch: Die Interaktionspartner stehen sich wie Tennisspieler auf beiden Seiten des Netzes gegenüber und spielen Bälle, bestehend aus verbalen Äußerungen und nonverbalen Botschaften, hin und her. In der zweiten Kategorie geht es mehr um die Atmosphäre, die diese Interaktion verbreitet, ohne konkrete Zuschreibung zu einer Person – sie entspräche dem, was man als Besucher von Wimbledon spürt, wenn man sich dem Central Court nähert, ohne dass man genau weiß, wer gegen wen spielt.

In die erste Kategorie gehört der deutsche Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun. Von ihm stammt das Zitat: «Wir reden immer zugleich mit vier Zungen und hören mit vier Ohren.» Jede Nachricht hat demnach vier mögliche Bedeutungs- und Verstehensebenen: Selbstkundgabe (Was ich von mir selbst kundgebe), Beziehungshinweis (Was ich von dir halte und wie wir zueinander stehen), Appell (Wozu ich dich veranlassen möchte) und Sachinhalt.

Typische Probleme in der Kommunikation entstehen dadurch, dass der Empfänger die Freiheit hat, die Botschaft auf einem Ohr seiner Wahl zu verstehen, was nicht immer der Intention des Senders entspricht. Missverständnisse ließen sich vermeiden, wenn nicht nur das Gesagte, sondern auch die eigene Intention dahinter deutlich würde.

Auf den österreichischen Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick geht die Behauptung zurück, dass in jeder Form der Kommunikation ein Sachaspekt und ein Beziehungsaspekt miteinander verschränkt sind. Jede Kommunikation enthält nicht nur eine Information, sondern auch einen Hinweis, wie der Sender seine Botschaft verstanden haben will und wie er seine Beziehung zum Empfänger sieht, also eine Interpretation.

Diese Aussage ist eines seiner fünf Axiome zur Kommunikation:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren.
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.
  3. Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung.
  4. Menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten.
  5. Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär.

Gerade für die Kommunikation im Gesundheitswesen ist sein letztes Axiom wesentlich, in dem er darauf hinweist, dass Kommunikation nicht immer symmetrisch ist (wie bei ausgeglichenen Machtverhältnissen), sondern dass sie auch komplementär verläuft, wenn große Unterschiede zwischen den Beteiligten bestehen. Kontextfaktoren entscheiden darüber, in welcher Rolle die beiden Interaktionspartner sich begegnen; der Patient ist zum Beispiel bei der körperlichen Untersuchung als Erduldender in der weniger mächtigen Rolle, er verhält sich komplementär zu den Bedürfnissen des Arztes und kann zwei Stunden später als Controller im Krankenhaus dem Arzt als ähnlich Mächtiger gegenübertreten.

Weniger bekannt sind Theorien, die nicht auf die unmittelbare Interaktion, dafür mehr auf das Klima fokussieren, das zwischen den Interaktionspartnern entsteht. Dieses im Einzelnen schwer zu beschreibende Etwas wird oft mit dem Begriff der Beziehung umschrieben, es geht um das Klima des Vertrauens, das zwischen Menschen entstehen kann. Ein typisches Beispiel für solche Phänomene ist das Gefühl von genug, das sich in einem Aufklärungsgespräch zwischen Arzt und Patient nach einer bestimmten Zeit meistens einstellt. Was ist die Basis für dieses Gefühl, das den Patienten dazu veranlasst zu sagen: «Danke, ich glaube, dass ich jetzt so ungefähr weiß, worum es geht. Ich bin einverstanden mit dem Eingriff, ich vertraue Ihnen.»? Diese Aussage hat keine statistische Evidenz in dem Sinne, dass der Patient wüsste, wie viel Prozent des Wissens des Arztes ihm jetzt mitgeteilt wurde, sie beruht auf einem gespürten «Es ist gut jetzt». Ein ähnliches Phänomen von Stimmigkeit ohne präzise Begründung gibt es auf der Zeitebene: Bei einem Krankenbesuch oder bei einer Besprechung stellt sich in einem bestimmten Moment das Gefühl ein, dass es jetzt Zeit ist zu gehen.

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Literatur
Schulz von Thun F.: Miteinander reden 1 – Störungen und Klärungen.
Watzlawick P., Beavin J., Jackson D.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen,
Alle Literaturangaben befinden sich auch in der Literaturliste im Anhang