1.2. Ziele der Kommunikation

Die beiden Wissenschaftler Bird und Cohen-Cole haben im Jahr 1990 ein Modell vorgeschlagen, um die Ziele der Kommunikation zwischen Arzt und Patient zu beschreiben.

Das Modell umfasst drei Ziele:

  1. Daten gewinnen;
  2. Patienten informieren;
  3. auf die Gefühle von Patienten eingehen.

Andere Modelle fokussieren eher auf übergeordnete Ebenen. Entsprechend werden die Ziele umformuliert (z. B. das Modell von Lazare, Putnam, & Lipkin, 1995):

  1. eine Beziehung entwickeln, beibehalten und abschließen;
  2. die Art des Problems identifizieren und im Verlauf überwachen;
  3. Vermitteln von Informationen an den Patienten sowie Behandlungspläne implementieren.

Beim Vergleich dieser beiden frühen Modelle wird deutlich, dass sich Ziele auf ganz unterschiedlichen Niveaus definieren lassen. Das Ziel «Daten gewinnen» lässt sich durch die Beobachtung des Arztes verifizieren, der in der Lage ist, eine mehr oder weniger vollständige Anamnese zu erheben. Ähnliches gilt für das dritte Ziel im Modell von Bird und Cohen-Cole, das sich wiederum durch die Beobachtung konkreten Arztverhaltens verifizieren lässt, wann immer der Patient unmittelbar oder nur indirekt über seine Gefühle spricht. Im Modell von Lazare et al. wird die Bedeutung der Beziehung zwischen Arzt und Patient hervorgehoben, die sich im Prinzip aus der Perspektive beider Interaktionspartner beschreiben ließe und bei der offen bleibt, welche Merkmale erfüllt sein müssen, um einem Arzt-Patienten-Gespräch das Attribut einer gelungenen Beziehung zu verleihen.

Bei näherem Hinschauen erweisen sich allerdings auch zunächst einfach scheinende Ziele wie das Vermitteln von Informationen als komplexe Aufgabe: Wenn Information mit dem Ziel vermittelt wird, dass der Patient nach dem Gespräch mehr weiß als vorher, gehört an das Ende einer Informationsvermittlung das Schließen der Schleife: Der Arzt überprüft, was der Patient im Einzelnen verstanden hat. Das gleiche Prinzip gilt schon für die eigentliche Vermittlungsphase: Information wird dann erfolgreich vermittelt, wenn sie als rekursiver Prozess (vermitteln, Reaktion abwarten, vermitteln, Reaktion abwarten) verstanden wird.

Diese kurze Diskussion macht deutlich, dass es nicht so einfach ist, allgemeine Ziele für die Arzt-Patienten-Kommunikation zu definieren, da sie sich eben häufig bei näherer Analyse als komplex zusammengesetzte Aufgaben entpuppen, die zudem längst nicht in jedem Arzt-Patienten-Kontakt zielführend sind.

Wie wichtig es wäre, sich auf erstrebenswerte Ziele zu einigen, illustriert eine im Jahr 1998 veröffentlichte Arbeit von Kinmonth et al., in der die Auswirkungen einer Schulung von Praxis-assistentinnen und Ärzten in patientenzentrierter Kommunikation untersucht wurden. Wenn als Ziel der ärztlichen Konsultation eine möglichst hohe Patientenzufriedenheit angenommen wird, war diese Studie ein Erfolg: Patienten in der Interventionsgruppe waren deutlich zufriedener. Wenn man allerdings die Qualität der Diabeteseinstellung und das Wissen der Patienten über ihre Erkrankung als Endpunkt definiert, hat die patientenzentrierte Kommunikation, zumindest so wie sie in dieser Arbeit verstanden wurde, die Situation der Patienten verschlechtert.

Diese Ergebnisse verweisen auf eine grundlegende Schwierigkeit der professionellen Kommunikation: Wie lässt sich eine Balance finden zwischen dem arztzentrierten Leiten des Patienten, der wenig Chance hat, seine eigenen Anliegen einzubringen, und dem patientenzentrierten Folgen des Arztes, der jeweils das aufgreift, was ihm der Patient anbietet?

< Theorien und Modelle Inhalt Wahrnehmung u. Gestaltung >

Literatur
Bird J., Cohen-Cole S.A.: The three-function model of the medical interview. An educational device.
de Haes H., Bensing J.: Endpoints in medical communication research, proposing a framework of functions and outcomes.
Kinmonth A.L. et al.: Randomised controlled trial of patient centred care of diabetes in general practice: impact on current wellbeing and future disease risk.
Lazare A. et al. Three Functions of the Medical Interview. In: Lipkin M.; Lazare A.; Putnam S.M. (Hrsg.): The Medical Interview: Clinical Care, Teaching and Research.
Miller W., Rose G.: Toward a Theory of Motivational Interviewing.
Alle Literaturangaben befinden sich auch in der Literaturliste im Anhang