1.4. Non- und paraverbale Kommunikation

Ein Patient trifft sehr verspätet in der Praxis ein und entschuldigt sich dafür mit einer Erklärung, die der Arzt als fadenscheinig wahrnimmt und über die er sich still ärgert. Im verbalen Ausdruck bagatellisiert er das Verhalten und versichert dem Patienten, dass die Verspätung absolut kein Problem darstelle, macht aber gleichzeitig mit seiner Mimik und Körperhaltung deutlich, dass er das Verhalten nicht billigt. Die anschließende Behandlungszeit ist geprägt durch angespannte Kommunikation, beide fühlen sich nicht wohl.

Nonverbale Elemente wie Gestik, Mimik, Blick, Körperhaltung und so weiter, aber auch paraverbale Phänomene wie die Stimmlage, das Tempo oder die Lautstärke vermitteln emotionale Zustände und die Einstellung zu anderen Menschen, sie unterstützen und veranschaulichen die Rede.

Viele der nichtsprachlichen Äußerungen sind Sprechbegleitungen und nicht selbstständig kommunikativ, allerdings können sie auch absichtsvoll gestaltet sein und ihre eigene kommunikative Rolle spielen. Nichtsprachliche Zeichen unterliegen im Gegensatz zum gesprochenen Wort ganz besonders der subjektiven Deutung durch den Gesprächspartner. Deshalb können eher spärliche, theoretisch fundierte Aussagen über die Interpretation von Zeichen wie etwa den Blick des Gegenübers gemacht werden.

Kurz zusammengefasst:

  • Wird die sprachliche Kommunikation reduziert, erhält die nichtsprachliche Kommunikation umso mehr Bedeutung.
  • Entspricht die nichtsprachliche Äußerung nicht der sprachlichen, enthalten also die Mimik oder die Stimmlage andere Mitteilungen als das Wort, sind diese beiden Ebenen inkongruent.
  • Deutungen haben Spielraum – damit legt sich der Mensch nicht fest und kann auch nicht verlässlich auf seine nichtsprachlichen Mitteilungen festgelegt werden.

Ausdruck und Funktion von nonverbalen Zeichen

Gesten als nonverbale Zeichen sind Bewegungen der Arme, Hände und Finger. Die Mimik zeigen wir in schnellen und oft unauffälligen Gesichtsbewegungen, die unsere Gemütsverfassung und auch die Einstellung zum Partner widerspiegeln. Wir können sie allerdings nicht selbst als Betrachter wahrnehmen und ihre Wirkung nur aufgrund der Reaktion des Gegenübers abschätzen. Der Blick zeigt unseren Bezug zum Partner und drückt Zuneigung, Misstrauen oder auch Verständnis aus. Die Häufigkeit, Dauer und Intensität des Blickkontakts sind dabei relevante Charakteristiken des Blickes: Wir zeigen damit unter anderem, dass der Gesprächspartner weiter-reden kann, wir seinen Ausführungen folgen können oder ein Sprecherwechsel angesagt ist. Die Körperhaltung hingegen betrifft das gesamte Erscheinungsbild und zeigt beispielsweise an, ob sich der Gesprächspartner dem anderen zu- oder von ihm abwendet.

Ausdruck und Funktion von paraverbalen Zeichen

Zu den paraverbalen Zeichen gehören Intonation, Stimmlage, Stimmfärbung, Tempo, Rhythmus, Akzent, Intensität, Lautstärke und so weiter. Einige paraverbale Zeichen sind genetisch bedingt – so etwa sprechen Frauen tendenziell mit höherer Stimme als Männer. Andere Zeichen sind sehr individuell einzuordnen: Manche Personen sprechen lauter als andere, möglicherweise bedingt durch ihren Körperbau oder auch durch familiäre Gewohnheiten. Zudem kann Paraverbales in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich akzeptiert und etabliert sein.

Paraverbale Elemente sind nie autonom, sondern immer sogenannte «Huckepack-Phänomene», die sich den vokalen Äußerungen aufpfropfen und sie modulieren. Diese Zeichen gestalten also jede vokale Äußerung mit.

Die folgenden Kontrollfragen haben sich bewährt:

  • Wie bewusst bin ich mir, ob meine non- und paraverbalen Zeichen mit den jeweiligen
    sprachlichen Äußerungen übereinstimmen?
  • In welchen Situationen sind diese beiden Ebenen meiner Äußerung besonders kongruent oder inkongruent?
  • Kann die Inkongruenz durch die Mitteilung des eigenen Empfindens aufgehoben werden?

Pausen als Besonderheiten im Gespräch

Der Rhythmus einer Mitteilung ist besonders geprägt durch Tempo und durch Pausen. Was aber ist eine Pause? Wo liegt der Unterschied zur Stille? Der Linguist Hans Jürgen Heringer schreibt dazu: «Ein bloßer Einschnitt zwischen Wörtern ist noch keine Pause. Die Pause entsteht erst, wenn das Aussetzen eine bestimmte Länge hat und dies als Besonderheit wahrgenommen wird.» So wird Stille als Pause gedeutet und ist dementsprechend wichtig für den Wortwechsel zwischen den Gesprächsteilnehmern.

Doch auch hier spielt die subjektive Wahrnehmung eine wichtige Rolle: Für den einen ist eine sehr kurze Pause bereits die Aufforderung oder die Möglichkeit, eine Antwort zu geben oder seine Meinung darzustellen, der andere braucht eine längere Pause und ein dementsprechendes Maß an Stille, bis er sie für seinen Beitrag zum Gespräch nutzen wird. Es kann also sein, dass ein Patient viel mehr Zeit beziehungsweise Stille braucht, bis er zur Rede ansetzt, auch wenn dieses Maß an Stille dem Arzt ungewohnt lange vorkommen mag.

Pausen in der Rede sind zudem in verschiedenen Kulturen unterschiedlich.

Auch hier gibt es Kontrollfragen:

  • Wie viel Stille braucht das Gegenüber, um sich einbringen zu können?
  • Wie viel Pause beziehungsweise Stille baue ich gewohnheitsmäßig in meine
    Mitteilungen ein?
  • Halte ich es aus, wenn die Stille etwas länger andauert als gewohnt?

Herausforderungen durch die kulturelle Prägung von nichtsprachlichen Zeichen

Auch wenn Paul Ekman (2004) nach seinen langjährigen, kulturübergreifenden Studien schlüssig darstellen konnte, dass die von ihm beschriebenen sieben Basis-Emotionen – Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung – bei allen Menschen in gleicher Weise erkannt und ausgedrückt werden, kann die nichtsprachliche Kommunikation nicht als universell angesehen werden. Nichtverbale Kommunikation ist gemäß Ekman zu «wesentlichen Teilen kulturspezifisch überformt», womit Schwierigkeiten bei der interkulturellen Begegnung vorprogrammiert sind.

Gestik kann in einer Kultur konventionell sein und etwas ganz Bestimmtes bedeuten, in einer anderen aber nicht. So werden in Bulgarien und in der Türkei sowohl das Kopfschütteln wie auch das Nicken für ein Ja verwendet – je nach Zusammenhang. Zudem spielt es eine Rolle, mit welcher Intensität es angebracht wird und ob das Kopfschütteln oder Nicken schnell oder langsam erfolgt.

In Japan wiederum ist Lachen oft nicht Ausdruck von Freude, sondern von Verlegenheit, was auf Nichteingeweihte irritierend wirken kann. Auch der direkte Blickkontakt mit dem Gesprächspartner kann sehr divergierenden Regeln unterworfen sein: In der westlichen Kultur «gehört es sich», im Gespräch den direkten Blickkontakt zu halten, in anderen Kulturen hingegen ist dieser verpönt – so darf etwa eine Frau aus dem Vorderen Orient nur ihrem Mann direkt in die Augen schauen.

< Wahrnehmung u. Gestaltung Inhalt Dokumentation >

Literatur
Argyle M.: Körpersprache und Kommunikation.
Ekman P.: Gefühle lesen – Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren.
Heringer H. J.: Interkulturelle Kommunikation. Grundlagen und Konzepte.
Maletzke G.: Interkulturelle Kommunikation: zur Interaktion zwischen Menschen verschiedener Kulturen.
Alle Literaturangaben befinden sich auch in der Literaturliste im Anhang