2.4. Vermitteln von Informationen

Ziel der Informationsvermittlung ist der informierte Patient, der in der Lage ist, eine korrekte Einschätzung abzugeben zu Diagnose, Art, Durchführung, Ziel, Nutzen und Risiken einer Intervention. Zudem muss der Patient informiert sein über Art, Risiken und Nutzen von Alternativen sowie über die Option, nichts zu tun.

Ärzte unterschätzen meist die Schwierigkeit, Informationen an eine Person zu übermitteln, die nur über vage medizinische Kenntnisse verfügt. Selbst Grundkenntnisse über die Funktion einer Lunge (bringt Sauerstoff ins Blut) oder des Herzens (pumpt das Blut im Kreislauf herum) sind nicht immer vorhanden.

Daher ist es sinnvoll, während der Vermittlung immer wieder zu überprüfen, wie ein Patient mit Informationen umgeht, ob er sie in vorbestehende Konzepte einbetten kann oder nicht. Je besser es gelingt, mit den neuen Informationen an vorhandenes Wissen anzuknüpfen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Neues verstanden und behalten wird. Auch bei Patienten mit einem gewissen Vorwissen (z. B. Patienten mit länger bestehendem Diabetes) lohnt es sich, zunächst herauszufinden, was sie bereits wissen, um die neue Information passgenau in das vertraute Weltbild einzufügen.

Informationen erzeugen beim Empfänger häufig Fragen, zum Beispiel zur Bedeutung für die eigene Situation, zu den Konsequenzen im Langzeitverlauf oder zu den Risiken und zum Nutzen einer Intervention. Diese Fragen steuern im Idealfall, wie viele Informationen in welcher Detailgenauigkeit ein Patient benötigt. Um herauszufinden, welche Fragen ein Patient konkret hat, muss er die Möglichkeit erhalten, Informationen erst einmal zu verdauen. Daher kommt die Empfehlung, nach zwei bis drei Informationen Pausen einzustreuen und abzuwarten, ob sich Fragen ergeben oder nicht.

Es empfiehlt sich, den Prozess der Informationsvermittlung zu strukturieren: Genau so, wie ein Buch seinen Inhalt in bestimmten Abschnitten präsentiert (Titel, Inhaltsverzeichnis, Kapitel-überschriften, Text, Anhang), sollte Information auch bei mündlicher Übermittlung gegliedert werden.

 Beispiel: «Ich möchte mit Ihnen über den Eingriff morgen sprechen, die Spiegelung der Brusthöhle.»
Pause.
«Dabei würde ich gerne folgende Punkte besprechen:

  1. Warum wir diesen Eingriff machen wollen.
  2. Wie genau er ablaufen wird.
  3. Was die Risiken des Eingriffs sind.
  4. Wie es danach weitergehen wird.»

Pause.
Wenn der Patient mit diesem Vorgehen einverstanden ist, geht es zurück zur ersten Kapitelüberschrift:
«Also, zum ersten Punkt: Warum wir diesen Eingriff machen wollen.»
Dann folgt die detaillierte Information.

Selbst mit einer klaren Gliederung ist die Menge an neuer Information, die ein Mensch überhaupt aufnehmen kann, endlich. Die «Cognitive Load Theory» geht davon aus, dass das Arbeitsgedächtnis mit sieben (+/– 2) Informationen umgehen kann. Weiter kann ein Mensch bestenfalls zwei bis vier Elemente gleichzeitig bearbeiten, und Informationen gehen nach etwa 20 Sekunden wieder verloren, wenn sie nicht in irgendeiner Form wieder aufgefrischt werden.

Die «Cognitive Load Theory» geht weiter davon aus, dass die einzelnen Prozessoren des Arbeitsspeichers jeder für sich überlastet werden können. Dies führt zu der Empfehlung, Informationen nicht nur auf einem Kanal zu vermitteln, sondern mündliche und schriftliche Informationen zu kombinieren. Entsprechende Versuche waren zwar nicht immer von Erfolg gekrönt, scheinen aber mit dem Einsatz interaktiver multimedialer Informationsmodule das Behalten und Ver-stehen von Information zu verbessern.

Wenn es um die Verarbeitung von Informationen geht, die bereits im Langzeitspeicher abgelegt sind, unterliegt dagegen das Arbeitsgedächtnis praktisch keiner Mengenbeschränkung. Für die medizinische Praxis bedeutet dies, dass Patienten, die zum ersten Mal über eine Erkrankung oder einen Eingriff informiert werden, weitaus weniger aufnehmen können, als wir ihnen in der Regel zumuten.

Als letzter Punkt soll erwähnt werden, dass Ärzte sehr selten überprüfen, was Patienten verstanden haben. Die Arbeit von Schillinger, D. et al. hat gezeigt, dass nur 15 von 124 neuen, einzelnen Informationen von Ärzten daraufhin überprüft wurden, ob sie von Patienten auch wirklich verstanden wurden. Acht von fünfzehn Informationen waren korrekt verstanden worden, bei sieben hatten Patienten nicht das verstanden, was der Arzt ihnen übermitteln wollte.

Eine Möglichkeit, das korrekte Verständnis von Informationen zu überprüfen, besteht im «Blaming myself» und klingt folgendermaßen:

A: «Ich finde es ganz schön schwierig, diesen Eingriff gut zu erklären. Ich hoffe, dass mir das jetzt gut gelingen wird. Sie würden mir helfen, wenn Sie mir ab und zu mal sagen könnten, was Sie von meinen Erklärungen verstehen konnten. Wenn das dann nicht so ganz stimmt, muss ich versuchen, es besser zu erklären.»

2.4. Vermitteln von Informationen

Patient mit hochgradiger Aortenklappenstenose, der vor der anstehenden Operation mit Klappenersatz ein Aufklärungsgespräch mit dem behandelnden Kardiochirurgen führt. Im Gespräch wird demonstriert, wie medizinische Informationen für den Patienten anschaulich vermittelt werden können.

< NURSE-Modell Inhalt Divergierende Konzepte >

Literatur
Armstrong K. et al.: Using survival curve comparisons to inform patient decision making. Can a practice exercise improve understanding?
Cohn E., Larson E.: Improving participant comprehension in the informed consent process.
Doak C.C., Doak L.G., Friedell G.H., Meade C.D.: Improving Comprehension for Cancer Patients with Low Literacy Skills:
Strategies for Clinicians.
Edwards A.G. et al: Personalized risk communication for informed decision making about taking screening tests.
Langewitz w et al.; Improving patient recall of information: Harnessing the power of structure
Schillinger D. et al.: Closing the Loop – Physician Communication With Diabetic Patients Who Have Low Health Literacy.
Turner P., Williams C.: Informed consent: patients listen and read, but what information do they retain?
Watson P.W., McKinstry B.: A systematic review of interventions to improve recall of medical advice in healthcare consultations.
van der Meulen N. et al.: Interventions to improve recall of medical information in cancer patients: a systematic review of the literature.
Alle Literaturangaben befinden sich auch in der Literaturliste im Anhang