2.6. Entscheidungsfindung

Die Art der Entscheidungsfindung (partizipatorisch oder nicht) ist davon abhängig, was entschieden werden soll. Immer ist die Zustimmung des Patienten notwendig.

Die folgenden Beispiele unterscheiden sich hinsichtlich Risiko und Sicherheit voneinander und machen eine partizipatorische Entscheidungsfindung notwendig oder auch nicht:

  • Patient mit Bauchschuss als Notfall: hohes Risiko, hohe Sicherheit über die nächsten Schritte keine partizipatorische Entscheidung
  • Patientin mit Mammakarzinom (OP brusterhaltend oder nicht?): hohes Risiko, geringe Sicherheit über die nächsten Schritte partizipatorische Entscheidung
  • Patient mit niedrigem Kalium (Diuretikadosis reduzieren?): niedriges Risiko, hohe Sicherheit über die nächsten Schritte keine partizipatorische Entscheidung
  • Patient mit Risikofaktoren (Lifestyleänderung oder Medikamente?): niedriges Risiko, geringe Sicherheit über die nächsten Schritte partizipatorische Entscheidung

Kommuniziere: Eine Entscheidung steht an! Der Arzt muss dem Patienten explizit verständlich machen, dass eine Entscheidung ansteht. Wenn er das unterlässt, kann der Patient keine Entscheidung treffen. Oft klaffen die Wahrnehmung des Arztes («Ich habe doch erklärt, dass eine Entscheidung ansteht») und die Wahrnehmung des Patienten («Der Arzt hat mir nichts von einer Entscheidung erzählt») weit auseinander.

Was sind die Optionen? Der Arzt sollte sicherstellen, dass alle für die Entscheidung relevanten Informationen auch vorliegen und vom Patienten verstanden worden sind.

Was sind die Vor- und Nachteile der Optionen? Der Patient sollte dazu ermuntert werden, die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Optionen zu bilanzieren und gegeneinander abzuwägen.

Was ist die Präferenz des Patienten? Die Präferenz des Patienten kann in der Entscheidungsfindung sehr unterschiedlich sein und ändert sich auch oft beim selben Patienten im zeitlichen Verlauf in Abhängigkeit von dem, was zu entscheiden ist. Im Wesentlichen gibt es drei Präferenzen:

  • Der Patient überlässt die Entscheidung dem Arzt «Sie sind der Experte! Wenn ich mein Auto in die Werkstatt bringe, muss ich auch dem Mechaniker vertrauen, wenn er mir sagt, dass etwas repariert werden muss.»
  • Der Patient trifft die Entscheidung ohne den Arzt «Heute treffe ich keine Entscheidung. Ich muss mir noch anhören, was Ihr Kollege meint, als Zweitmeinung.»
  • Der Patient trifft die Entscheidung gemeinsam mit dem Arzt «Ich möchte gerne
    die Entscheidung mit Ihnen gemeinsam treffen – nachdem ich das Für und Wider der
    Optionen mit Ihnen durchgegangen bin.»

Ärzte können – entgegen ihrer Selbsteinschätzung – die Präferenzen ihrer Patienten in der Entscheidungsfindung nur schlecht einschätzen. Deshalb ist es wichtig, danach zu fragen.

Beispiel: «Patienten wollen in unterschiedlicher Weise am Entscheidungsprozess beteiligt werden: Es gibt Patienten, die möchten die Entscheidung dem Arzt überlassen. Andere wollen die Entscheidung ohne den Arzt treffen und wieder andere wollen die Entscheidung gemeinsam mit dem Arzt treffen. Wie ist das bei Ihnen?»

Abhängig von der jeweiligen Präferenz kann der Informationsprozess darauf abgestimmt, verkürzt oder verlängert werden.

(Was ist die Präferenz des Arztes?) Die Klammer steht dafür, dass die Exploration der Präferenz des Arztes kein «offizieller» Teil der partizipatorischen Entscheidungsfindung ist, jedoch oft von großem Interesse für den Patienten.

Beispiel: «Angenommen, Herr Doktor, Ihre Frau wäre in derselben Situation wie ich jetzt,
zu welcher der beiden Optionen würden Sie Ihr raten?» Abhängig von der Entscheidungs-
situation und seinen individuellen Überzeugungen wird der Arzt seine Präferenzen darlegen.

2.6. Entscheidungsfindung

Patient mit ausgeprägten Rückenschmerzen und bekanntem Diabetes mellitus. Im Gespräch mit der Hausärztin werden die verschiedenen Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie besprochen und eine Entscheidung über das weitere Vorgehen herbeigeführt. Im Gespräch werden Elemente der partizipativen Entscheidungsfindung demonstriert.

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Literatur
Scholl I. et al.: Development and psychometric properties of the Shared Decision Making Questionnaire – physician version (SDM-Q-Doc).
Shaw D., Elger B.S.: Evidence-based persuasion: an ethical imperative.
Whitney S.N., McGuire A.L., McCullough L.B.: A typology of shared decision making, informed consent, and simple consent.
Alle Literaturangaben befinden sich auch in der Literaturliste im Anhang