3.9. Arbeiten mit Dolmetschern

Patientinnen und Patienten, die nicht Deutsch oder eine gängige Fremdsprache wie Englisch sprechen, können sich oft nicht verständlich machen und werden daher zum Teil nicht richtig verstanden. Mittlerweile ist gut etabliert, dass Sprachbarrieren die Qualität der gesundheitlichen Versorgung beeinträchtigen. Es ist auch klar, dass Dolmetscher mit einer professionellen Ausbildung besser geeignet sind, ein Gespräch zwischen Patient und Arzt zu übersetzen als Ad-hoc-Übersetzer (etwa zufällig anwesendes Personal oder Familienangehörige).

Das Problem ist allerdings, dass professionelle Dolmetscher nicht immer verfügbar und – wenn vorhanden – nicht immer finanzierbar sind. Dann stellt sich die Frage, wie zumindest grob abgeschätzt werden könnte, über welche Sprachkompetenz ein Patient verfügt.

Was sicherlich nicht zielführend ist, sind Fragen, nach einer längeren Erklärungsphase der Fachperson wie: „Haben Sie mich verstanden?“ oder geschlossene, womöglich suggestive Fragen wie: „Sie nehmen das Marcumar seit 2 Jahren?“. Am ehesten lässt sich das tatsächliche Niveau sprachlicher Kompetenz einschätzen, wenn der Patient gebeten wird, in freier Rede zusammenzufassen, was er gerade gehört hat.

Bei Patienten, die eingeschränkt sprach-kompetent sind, ist es nicht sinnvoll, in Kindersprache zu verfallen und Verben nicht mehr zu konjugieren. Einfacher zu verstehen sind kurze Aussagesätze, ohne komplexere grammatikalische Strukturen wie Relativ-Sätze oder Konditionalsätze. Bei langsamem Sprechen wird manchmal bereits durch die Beobachtung des Gegenübers deutlich, an welchen Stellen ein Wort auf Unverständnis stößt; wer sein Gegenüber nicht anschaut, verpasst diese Gelegenheiten.

Ad-hoc-Übersetzer werden in der Literatur aus verschiedenen Gründen nicht empfohlen: wenn sie verwandt sind mit dem Patienten oder wenn sie aus der gleichen überschaubaren Sprachgemeinschaft wie der Patient stammen, geraten sie beim Übersetzen häufig in einen Solidaritätskonflikt. Das führt dazu, dass sie zum Beispiel schlechte Nachrichten nicht übersetzen, weil sie den Patienten nicht belasten wollen oder weil sie die Regeln ihrer Kulturgemeinschaft einhalten wollen; im Unterschied zu professionellen Dolmetschern sagen sie nicht, was sie tun, sodass die Fachperson nicht weiss, was genau – und was eben nicht – übersetzt wurde.

Problematisch am Einsatz von Ad-hoc- und professionellen Dolmetschern ist, dass letztlich die Fachperson dafür verantwortlich ist, worüber gesprochen und was verstanden wird. Da sie die Fremdsprache, in die gedolmetscht wird, nicht versteht, ist sie auf Gedeih und Verderb der Kompetenz des Dolmetschers ausgeliefert.

Es ist allerdings nicht so klar, welche Aufgabe professionelle Dolmetscher eigentlich haben: Sollen sie möglichst wortgetreu übersetzen oder sollen sie zwischen Kulturen vermitteln, also auch auf Gebräuche, Wertvorstellungen und unterschiedliche Definitionen von Tabuthemen fokussieren? Das Conduit-Modell entspricht der ersten Variante, bei der der Dolmetscher den gesprochenen Text genau und präzise wiedergibt und er seine eigene Person stark zurücknimmt. Die weiter gefasste Definition entspricht zumindest zum Teil dem des «interkulturellen Übersetzens», bei der Dolmetscher auch als interkulturelle Mediatoren fungieren.

Qualitative Untersuchungen zum Inhalt von gedolmetschten Gesprächen zeigen, dass es bereits auf dem Niveau der inhaltlich korrekten Übersetzung von einer Sprache in die andere gravierende Probleme gibt, die noch vor der interkulturellen Übersetzung gelöst werden müssen.

Der folgende Verhaltenskatalog für Fachpersonen hilft beiden Parteien, ein gedolmetschtes Gespräch möglichst korrekt und im Sinne des Patienten durchzuführen.

Verhaltenskatalog für medizinische Fachpersonen

Vor dem Gespräch

  1. Klären Sie, welche Fachbegriffe Sie benutzen werden (z. B. ‚Blutdruckmanschette‘)
  2. Informieren Sie den Dolmetscher über:
    1. Inhalt, Ziel und Dauer des Gesprächs.
    2. Die Notwendigkeit einer getreuen Wiedergabe, ohne eigene Interpretationen, ohne eigenes Hinzufügen oder Erklären.
    3. Die Regel, in der Ich-Form zu dolmetschen.
    4. Die Möglichkeit, bei der Fachperson nachzufragen, wenn die Dolmetscherin etwas nicht verstanden hat.

Im Gespräch

  1. Stellen Sie Dolmetscherin und Patientin einander mit Namen vor.
  2. Informieren Sie den Patienten, dass die Dolmetscherin der Schweigepflicht untersteht.
  3. Erklären Sie der Patientin, dass die Dolmetscherin ALLES, was im Gespräch gesagt wird, vollständig wiedergeben wird.
  4. Halten Sie Augenkontakt zum Patienten.
  5. Sprechen Sie den Patienten immer direkt an, und sprechen Sie nicht in der dritten Person.
  6. Formulieren Sie klar und deutlich, in vollständigen Sätzen und verwenden Sie keine unnötigen Fachwörter.
  7. Fragen Sie den Patienten, wenn die Wiedergabe für Sie keinen Sinn ergibt und/oder Sie keinen Zusammenhang mit Ihrer Frage sehen.
  8. Bitten Sie den Patienten zusammenzufassen, was er verstanden hat.

Nach dem Gespräch

  1. Vergewissern Sie sich bei dem Dolmetscher, ob er den Eindruck hatte, dass das Gespräch für den Patienten korrekt und verständlich war.
  2. Bitten Sie den Dolmetscher um ein Feedback zu Ihrer Gesprächsführung.

Interkulturelle Vermittlung

Abschließend geht es um die grundsätzliche Frage, inwieweit Dolmetschern die Aufgabe einer interkulturellen Vermittlung übertragen werden kann.

Man könnte kritisch anmerken, dass interkulturelles Übersetzen vor allem dann Sinn macht, wenn klar ist, zwischen welchen Kulturen vermittelt werden soll. Das Problem besteht hier im Kulturverständnis, also der Annahme, es gäbe eine kurdische, kosovarische oder anatolische Kultur und diese lässt sich durch entsprechende Kulturstandards definieren. Die Tatsache, dass ein Dolmetscher die Sprache einer anderen Kultur spricht, ist nicht automatisch gleichbedeutend mit der Qualifikation, sich zur kulturellen Identität dieser Patienten kompetent zu äußern. Letztlich ist der Dolmetscher genauso wie eine Fachperson darauf angewiesen, diese Verortung einer kulturellen Identität jeweils neu und sorgfältig durchzuführen.


3.9. Arbeiten mit Dolmetschern

Dolmetscher-vermitteltes Arzt-Patientin Gespräch, in dem die nur polnisch sprechende Patientin über akute Schmerzen im Brustbereich und ein Würgefühl klagt. Die Ärztin erhebt eine Anamnese und bespricht mit der Patientin das weitere Vorgehen. Das Gespräch findet als triadische Kommunikation mit der Übersetzung durch einen Sprach- und Kulturmittler statt.

< Gespräch mit Angehörigen von Demenzerkrankungen Inhalt Gespräch über Patientenverfügungen und Wiederbelebung >

Literatur
Angelelli C.: Revisiting the interpreter’s role: a study of conference, court, and medical interpreters in Canada, Mexico and United States.
Bischoff A. et al.: Language barriers between nurses and asylum seekers: their impact on symptom reporting and referral.
Elderkin-Thompson V., Silver R.C., Waitzkin H.:, When nurses double as interpreters: a study of Spanish-speaking patients in a US primary care setting.
Flores G. et al.: Errors in medical interpretation and their potential clinical consequences in pediatric encounters.
HHU Düsseldorf, 2014: Dolmetscher-vermitteltes Arzt-Patient-Gespräch unter: http://mediathek.hhu.de/watch/ef478fe0-beb6-49ea-a9be-4113e76ac706 [Stand: 19.03.2015]
HHU Düsseldorf, 2014: Interkulturelle Kompetenz für kommunale, soziale und klinische Arbeitsfelder unter: http://fit-for-diversity-skills.de/index.php?id=3 [Stand: 19.03.2015]
Kale E., Syed H.R.: Language barriers and the use of interpreters in the public health services. A questionnaire-based survey.
Ngo-Metzger Q. et al.: Providing high-quality care for limited English proficient patients: the importance of language concordance and interpreter use.
Sleptsova M, Hofer G, Morina N, Langewitz W.: The role of the health care interpreter in a clinical setting – a narrative review.
Woloshin S. et al.: Is language a barrier to the use of preventive services?
Alle Literaturangaben befinden sich auch in der Literaturliste im Anhang